Nicolas Korte 
Geschäftsführer 
ETABO Energietechnik und Anlagenservice GmbH

LERNZONE PODCAST 02

Henning spricht dieses mal mit Nicolas Korte, Geschäftsführer von der ETABO Energietechnik und Anlagenservice GmbH. Nico hat gemeinsam mit seinen Mitarbeitern den Wandlungsprozess innerhalb der Organisation angestoßen. Im Podcast erzählt er, wie sie Ihre Ausbildung neu erfunden haben, was 3D-Druck mit der Befähigung von Menschen zu tun hat und was das streichen von Büros über den Wandlungsprozess Ihrer Organisation aussagt.

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Das nachfolgende Interview ist innerhalb des Lernzone Podcast entstanden und mit Hilfe einer Transkriptionssoftware in Textform überführt worden, damit Du interessante Stellen nachlesen kannst. Ggf. auftretende Grammatik- oder Rechtschreibfehler bitten wir daher zu entschuldigen.

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Henning Baumann Es wäre schön, wenn du dich einmal vorstellen könntest. Wer bist du und was treibt dich an?

Nicolas Korte Mein Name ist Nico Korte. Ich bin 55 Jahre alt. In allererster Linie ein neugieriger und offener Mensch. Von Beruf gelernter Maschinenbauingenieur und leite heute eine Unternehmensgruppe mit zehn Standorten in Deutschland im Bereich Industrie Service. Der Hauptsitz ist in Bochum. Wir haben aber Niederlassungen, die in ganz Deutschland verstreut sind und in den Niederlanden.

Henning Baumann Wir drehen uns in dem Podcast darum, “Wie lernen Menschen” also aus der Komfortzone heraus in die Lernzone. So habe ich dich auch kennengelernt. Wie komme ich aus meiner Komfortzone heraus? Das hatten wir gerade auch im Vorgespräch, dass du gesagt hast “150 Prozent das ist ein bisschen so dein Ding, wo du dich wohlfühlst, wo der Puls hoch geht.” Da würde mich interessieren, was war in den letzten drei Jahren so der Punkt wo du gesagt “OK, der hat mich fasziniert und deswegen bin ich neue Wege gegangen.”?

Nicolas Korte Das war ganz klar die Erfahrung mit unseren Azubis. Wir bilden technischer Produktdesigner aus, das ist das was früher mal technische Zeichner waren. In der Vergangenheit bis 2013/14 war der Fokus darauf, junge Menschen auszubilden, dass sie die Lücken schließen die durch Rente in den Reihen entstehen. Irgendwann 2013/14 gab es ein Erlebnis wo ich gemerkt habe Das ist eigentlich nicht das wie meine Vision ist wie eine Ausbildung aussehen sollte. Wir haben dann im Jahr 2015 ein Azubi Projekte einfach aufgesetzt das ETABO 4.0 heißt und unsere jüngsten Kollegen mit einer neuen Form des Lernens in Berührung bringen soll.

Henning Baumann Was heißt das?

Nicolas Korte Wir haben gesagt, wir möchten dass die Azubis ihr eigenes Projekt haben. Ohne Regeln. Wir haben denen gesagt Ihr bekommt von uns Geld, um etwas anzuschaffen was euch Spaß macht. Zum damaligen Zeitpunkt, 2015, kam 3-D-Druck gerade als Massenmedium auf. Dann haben wir gesagt, schafft euch einen 3D-Drucker an, der gehört euch, der ist in eurer Verantwortung. Ihr könnt damit machen was ihr wollt. Ihr könnt das machen während der Arbeitszeit oder in der Privatheit. Ihr könnt euch damit beschäftigen und private Dinge machen. Ihr könnt damit Dinge für die Firma machen. Verbreitung über soziale Netzwerke ist nicht nur erlaubt sondern gewünscht. Wir möchten einfach dass ihr selbstbestimmt mit etwas beschäftigt was euch Spaß macht.

Henning Baumann Und wie haben sie das aufgefasst?

Nicolas Korte Das war zuerst sowohl für die Azubis als auch für die Organisation ein bisschen merkwürdig. Das wir hier Dinge machen und den Azubis so viel Freiheiten einräumen, dass sie sich nicht nach einem strikten Lehrplan und strikten Stundenplan halten müssen. Aber es hat für die Azubis unheimlich viel Spaß gemacht, sie hatten eine Sache die die ihres ist, das ist ihr Projekt das ist nicht was sie lernen müssen sondern was sie lernen wollen. Und hat dann in der Folge auch zu Ergebnissen geführt, die wir uns vorher so nicht vorgestellt hätten dass sie eintreten würden. Nach sechs Monaten haben die Azubis den 3D-Drucker, der einer der handelsüblich in dem Segment zwischen privat und business ist, konstruktiv verbessert. Haben dann tatsächlich gesagt, an dem Drucker stört uns das und das werden wir jetzt mal umbauen. Nach neun Monaten haben Sie vollkommen eigenverantwortlich Teile verkauft. Haben die Initiative selber ergriffen haben sich Kunden gesucht an der sie 3D gedruckte Teile verkauft haben. Das hat sonst in der Organisation eigentlich keiner mitgekriegt außer einem Kaufmann der ihnen die kaufmännischen Teile des Angebotes geschrieben hat und haben munter angefangen ihr eigenes Geschäft mit dem 3D-Drucker zu machen haben mittlerweile aus den Erlösen einen zweiten 3D-Drucker angeschafft und bauen dieses Thema immer weiter aus aber auch hier ohne dass ihnen irgendjemand reinreden wie sie es zu machen haben sondern es machen die vollkommen intrinsisch motiviert aus sich heraus. In der Folge hat das aber auch noch Auswirkungen auf die Qualität der Lehrlingsausbildung und die Resultate gehabt. Die Lehrlinge seit 2015 haben alle mit Noten eins Komma abgeschlossen haben alle ihre Lehre von dreieinhalb auf zwei oder drei Jahre verkürzt. Und nachdem wir dann gesagt haben das Ziel unserer Ausbildung ist nicht mehr das schließen der eigenen Reihen sondern wir möchten dass junge Menschen Lust auf Lernen haben haben alle im Anschluss an die Ausbildung eine weitergehende berufliche Ausbildung angenommen. Die letzten drei die letztes Jahr fertig geworden sind gehen zum Beispiel alle seit letzten Herbst auf eine Hochschule in Bochum berufsbegleitend studieren als Maschinenbauingenieur. Sind weiterhin bei uns im Unternehmen beschäftigt halbtags und gehen halbtags berufsbegleitend studieren sodass wir da eigentlich davon ausgehen dass wir mit diesem ganzen Thema Nachwuchsmangel und Fachkräftemangel in dem Bereich zukünftig überhaupt kein Problem haben werden weil wir den Nachwuchs selber heranziehen sozusagen. Fachkräftemangel fängt bei Ideenmangel an ist das was ich gerne dazu sage. Ideen haben wir gehabt die waren erfolgreich und deswegen werden wir das auch so fortführen.

Henning Baumann Super spannende Ansatz. Was mir das erste mal als Du mir das Erzählt hast in den Kopf geschossen ist: “Gabs da gar keine Probleme mit der IHK?”

Nicolas Korte Also erst mal haben wir in Bochum die erste agile IHK in Deutschland die sowieso ein mega Veränderungsprozess gemacht hat und gerade viele ihrer alten Strukturen auflöst wo wir auch als Vorzeigeunternehmen im Bereich Ausbildung gerne gezeigt werden in Bochum und Umgebung. Und zum anderen machen die ja nach wie vor ihren ganz normalen Lernstoff das ist ja nicht so dass wir irgendetwas nicht mehr machen heute Wir machen es nur anders und das was uns die Neurologen zum Thema Lernen sagen dass wenn jemand zu 30 Prozent seiner Zeit das machen kann wo er Bock drauf hat. Dass er dann in den restlichen 70 Prozent mehr lernt als jemand der in 100 Prozent der Zeit nur das lernt was er machen muss das sehen wir zumindest bei uns als voll bestätigt. Einfach die geistige Entwicklung und die Lernbereitschaft und die Lust auf Lernen ist bei unseren Azubis eine ganz andere als wir die die vorher hatten und auch eine ganz andere als sich die Kollegen aus anderen Unternehmen so wahrnehme.

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Henning Baumann Du hast ja eben gesagt. Im Unternehmen wurde das erst skeptisch aufgefasst, im Sinne von OK die Azubi Aufgaben verändern sich stark. Sie sind nicht mehr gebunden. Was hat es dann noch gemacht außer anfangs Skepsis vielleicht?

Nicolas Korte Ja ich glaube dass es jedem im Unternehmen darauf vorbereitet hat dass es noch einen anderen Weg geben könnte als den man Jahre oder Jahrzehnte lang verfolgt hat. Ich glaube nicht dass das zu dem Zeitpunkt 2015 als wir das angefangen haben jemand auf sich selber oder die gesamte Organisation übertragen hat. Aber zumindestens haben wir jetzt im eigenen Unternehmen ein Beispiel dass das verlassen ausgetretener Wege zu unglaublichen Erfolgen führen kann. Und das hat die Bereitschaft für das was wir später in der gesamten Organisation gemacht haben oder im Augenblick noch in der gesamten Organisation machen definitiv geebnet wenn man sieht wie klasse das bei 18, 19, 20-Jährigen funktioniert dann gibt es so wenig Spielraum hinterher zu sagen bei anderen im Unternehmen funktioniert das nicht.

Henning Baumann Jetzt hast Du ja gerade erzählt, das was wir im Unternehmen jetzt insgesamt machen. Ich weiß nicht was ihr macht. Was macht ihr da eigentlich überhaupt?

Nicolas Korte Wir sind von dem was wir machen als geschäftlicher Inhalt des Unternehmens waren wir schon immer sehr sehr Veränderungsbereit und auch stark in der Veränderung. 2011 habe ich im Unternehmen angefangen da gab es ein Geschäftsmodell von dem damals schon klar war dass es endlich 2015/16 haben wir schon 90 Prozent unserer Umsätze aus Geschäften generiert die wir 2011 noch gar nicht im Unternehmen hatten. Das heißt auf der Seite was wir machen waren wir schon extrem stark und  Veränderungswillig. Dann kam aber dazu dass Ende 2017 ich in starke Zweifel gekommen bin ob das wie wir das machen noch zeitgemäß ist und bin dann ganz ehrlich. Ende 2017 habe ich einen Vortrag gehalten auf einer Veranstaltung wo viel über Transformationen gesprochen wurde. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht was Transformation ist und alles was ich da gehört habe über Agila Organisation New Work. Egal wie man es jetzt nennen will und welches Buzzwort man gerade nennt aber über andere Formen der Organisation hat sich für mich so extrem richtig angeführt dass ich zurück ins Büro gekommen bin und zu meinem Kollegen gesagt habe Wir müssen hier etwas ändern und seit Ende 2017, Anfang 2018 sind wir im Unternehmen in einem Transformationsprozess wo wir alles infrage stellen was wir in der Vergangenheit gemacht haben.

Henning Baumann Was war für Dich der spannenste Moment bisher in diesem Prozess?

Nicolas Korte Ich habe jeden Tag spannende Momente weil einfach jeden Tag oder jede Woche haben wir Erlebnisse wozu Mitarbeiter in der Lage sind oder was Mitarbeiter bereit sind für das Unternehmen und für ihre Kollegen zu tun was vor anderthalb Jahren noch überhaupt nicht denkbar gewesen wäre. Wir haben jede Woche kleine Erfolgserlebnisse. Wo wir wieder sagen, wir sind auf dem richtigen Weg und das ist so genau richtig wie wir das heute machen. Und dieses alte Command and Control hat einfach verhindert dass die Mitarbeiter das machen konnten was sie am liebsten machen und hat auch verhindert dass sie die beste Leistung fürs Unternehmen zeigen die sie in sich haben. Ich glaube wir sind noch lange nicht am Ende und wissen noch lange nicht was alles in den Mitarbeitern steckt wenn wir noch ein Stück weiter sind in dieser Transformation.

Henning Baumann Wie kontrolliert ihr diese Transformation? Wir hören häufig im arbeiten: Das muss ja irgendwie vom Controlling überwacht werden können, nachverfolgbar gemacht werden können ob es einen Mehrwert bietet.

Nicolas Korte Wir kontrollieren überhaupt nicht. Ganz ehrlich Wir machen uns gerade sehr große Gedanken darüber ob es einen Weg gibt können wir irgendwelche Kennzahlen aufstellen können, an denen wir den Prozess überwachen oder mit dem wir den Prozess nachweisen. Aber eigentlich ist mir persönlich das schon wieder zu viel und zu viel zu viel mit dem alten System zu tun. Ist nicht wirklich zielführend. Nichtsdestotrotz haben wir gesagt Wir haben an diesem Transformationsprozess gibt’s eigentlich vier Stakeholder, Beteiligte. Das sind die Kolleginnen und Kollegen, das sind unsere Kunden, das ist unser Gesellschafter und das ist die Gesellschaft. Und für jede dieser vier Gruppen müssen wir etwas herausfinden wo der Stakeholder hinterher über uns sagt, der Transformationsprozess bei der ETABO war für mich zum Vorteil und wir haben jetzt mal definieren für die Gesellschaft ist das relativ einfach. Der möchte natürlich dass das Unternehmen profitabel ist und Gewinne abwirft. Ich glaube das ist auch kein Widerspruch zu dem Thema agile Organisation. Gewinne sind für Unternehmen nicht Nice to have, sondern die Existenzberechtigung. Für die Kunden haben wir jetzt mal definierte: Ein Kunde schätzt ein dass das was wir machen erfolgreich ist wenn jeder Kunde der in 2018 bei uns was bestellt hat in 2019 wieder was bei uns bestellt. Bei den Mitarbeitern und bei der Gesellschaft sind wir im Augenblick noch nicht so ganz mit uns einig. Das ist noch eine lebhafte Diskussionen im Unternehmen wann die sagen, es war ein erfolgreiches Unterfangen was wir hier gemacht haben.

Henning Baumann Wenn du sagst, eine lebhafte Diskussion dann klingt es nicht so als würde ihr Euch in der  Führungsriege einschließen.

Nein, aus der Mitte der Kollegen ist ein zehnköpfiges Transformationteam gebildet worden. Das ist aber absolut im Pull-Modus geschehen. Es konnte sich jeder bewerben. Es waren so rund 20- 25 Personen die gerne dabeisein wollten und daraus haben die, die im Raum waren, sich selber auf zehn Personen eingedampft. Zehn Personen sind in Transformation, die vollkommen Hierarchiefrei diesen ganzen Vorgang praktisch Triggern und den Mitarbeitern helfen mitzumachen. Darüber hinaus haben wir alle zwei Wochen eine Belegschaft Standup eingeführt. Montags mittags wird ein Haufen Pizza bestellt, alle kommen im Großraumbüro zusammen und die Dinge werden gemeinsam diskutiert und die Mitarbeiter können auch sagen was ihnen gerade passt und was ihnen nicht passt was sie gut finden was sie nicht gut finden. Und nachdem das am Anfang sehr ruhige Veranstaltung waren, weil wir auch noch in so einem alt geprägten Command and Control Modus waren wird mittlerweile auch relativ offen Kritik geübt wenn die Mitarbeiter sagen: Ey was ihr da als Transformation macht das geht überhaupt nicht, ihr müsst uns als Mitarbeiter fragen bevor er sowas macht. Und das finden wir gut.

“Fachkräftemangel fängt bei Ideenmangel an”
Nicolas Korte
GESCHÄFTSFÜHRER ETABO ENERGIETECHNIK UND ANLAGENSERVICE GMBH​

Henning Baumann Also ist da ein regerer Austausch?

Nicolas Korte Ja, es gibt sehr viel mehr Gegenwind heute. Es gibt sehr viel mehr Meinungen, die kundgetan werden wo Mitarbeiter sagen So wollen wir das nicht.

Henning Baumann Aber meine Meinung könnte man ja auch denken, das bremst aus.

Nicolas Korte Dinge werden nicht schneller. Das haben wir jetzt schon beobachtet. Ich finde es aber auch richtig. Es gibt ja einen alten Spruch: Wenn du schnell gehen willst, geh alleine, wenn Du weit gehen willst, geh gemeinsam. Und ganz klar ist dass alles das was wir heute machen wo wir versuchen entweder innerhalb des Transformationteams oder innerhalb des gesamten Unternehmens zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Das dauert immer länger als das was wir früher als Geschäftsführer allein entschieden haben also viele Dinge für die wir heute drei vier fünf Wochen brauchen um eine gemeinschaftliche Meinung zu haben die hätten wir früher in zehn Minuten gehabt. Nur hätten wir schnellere Lösungen gehabt, aber keiner hätte sie mitgetragen. Es ist heute wichtiger, die Zeit darauf zu verwenden dass alle am Ende auch mitkommen bei dem was wir da beschließen. Das ist als Geschäftsführer manchmal ätzend zu sehen wie die Zeit vergeht, ohne dass es zu Lösungen kommt. Aber da muss man sich halt disziplinieren und immer im Auge haben dass dafür hinterher auch die Beteiligung der Kollegen sehr viel größer ist wenn es Ihre Entscheidung ist und ich meine.

Henning Baumann Du hast vorhin von euren vier Stakeholder gesprochen. Bei den Mitarbeitern und Kollegen kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sie das im Schnitt gut finden dass sie mit eingebunden werden.

Nicolas Korte Gaußschen Verteilung würde ich mal sagen. Es ist so: Du hast einen Käfig voller Tiger und machst das Tor auf. 15 Prozent stürmen direkt raus und sagen “Ich bin, dabei das finde ich gut das wollte ich schon immer”, das sind so auch die zehn die im Transformationteam sind. Die wollten das Thema direkt, dann hast du 70 Prozent die versammeln sich um die offene Tür und gucken mal raus. Ist das wirklich ernst. Funktioniert das wohl wird das nicht morgen wieder rückgängig gemacht und du hast die 15 Prozent die direkt zum hinteren Ende des Käfig verschwinden und sich an den Käfigstangen festhalten und überhaupt keine Veränderung möchten.

Henning Baumann Wir gehen Ihr damit um?

Nicolas Korte Letztendlich heißt selbstbestimmt. Selbstbestimmt heißtm wer mitmachen will macht mit. Wer vorsichtig sein will sollte vorsichtig sein und wer nicht mitmachen will der macht halt nicht mit. Selbstbestimmt heißt nicht die die nicht das wollen was wir wollen werden rausgeschmissen. Nach meinem Gefühl wäre das nicht richtig dass wenn nicht mehr selbstbestimmt.

Henning Baumann Wenn wir jetzt mal auf den Gesellschafter eingehen, wie hat der denn darauf reagiert?

Nicolas Korte Der Gesellschafter war am Anfang sehr skeptisch. Der Gesellschafter hat am Anfang auch schon mal gesagt, euer Kultur Dingens da hat dann aber gemerkt, dass im Unternehmen Veränderungen eingetreten sind und hat sich dann auch selber auf einmal angefangen mit diesem Thema zu beschäftigen. Jetzt muss man natürlich auch sehen dass die Dichte an Zeitungsartikel oder Zeitschriften Artikeln über agiles Management in den letzten dreiviertel Jahren gefühlt explodiert ist. Und ich sage mal das ist ja keine Welt, kein Kapital, keine Welt am Sonntag, kein Manager Magazin mehr gibt wo nicht irgendwas über Agila Organisationen drinsteht. Und er hat sich schon mit dem Thema beschäftigt und sagt ihr seid auf dem richtigen Weg Ich glaube euch das, aber die Ergebnisse müssen stimmen. Wo ich aber wie gesagt total mit leben kann, weil das ist unser unsere Daseinsberechtigung irgendwie ist dass wir Gewinne erwirtschaften. Ohne Gewinne müssen wir das Unternehmen zumachen und insofern ist es doch das gute Recht von demjenigen der sein Geld in das Unternehmen anlegt zu erwarten dass es auch Ergebnisse hat. Er ist auf jeden Fall dabei mittlerweile und wir hatten letztes Jahr im Dezember eine Betriebsversammlung. Die haben wir auch das erst einmal ganz anders gestaltet als vorher. Es haben viele Mitarbeiter die in den Arbeitsgruppen arbeiten zu bestimmten Themen vorgetragen und ich glaube schon dass das auch den Gesellschafter, oder Ich weiß dass es den Gesellschafter beeindruckt hat wenn sich ein 19 oder 20 jähriger Azubi vor hundert Leute stellt inklusive allen Führungskräften Geschäftsführung, Gesellschafter und fünf Minuten über das Thema referiert “Welche Ungerechtigkeiten es im Unternehmen gibt”. Das ist schon beeindruckend und so anders als alles was wir vorher erlebt haben dass das schon einen tiefen Eindruck hinterlässt wie intensiv sich Menschen heute mit dem Unternehmen beschäftigen was er früher nicht getan haben.

Henning Baumann Du hast ja vorhin schon einmal auf das Azubi Projekt referiert. Dann jetzt gerade eben noch einmal. Merkte Ihr dass irgendwie auch bei Neubewerbungen bei Azubis oder allgemein, dass sich das Widerspiegelt?

Nicolas Korte Erst einmal haben wir überhaupt kein Problem unsere Azubistellen zu besetzen. Wir haben also irgendwie ab anfang November haben wir schon die Stellen für dieses Jahr August besetzt gehabt. Wir kriegen relativ schnell viele Bewerbungen. Was mich aber mindestens genauso freut ist dass wir total außergewöhnliche Bewerbungen kriegen. Bewerbungen Wo man sagt “Willst du denn wirklich einladen oder will wirklich einladen?” Ja genau das sind eigentlich diese außergewöhnlichen Menschen die wir heute suchen wo wir glauben die wir im Unternehmen brauchen weil sie etwas Neues reinbringen und eben nicht uniform denken “Ich mache eine Ausbildung und habe danach einen Job”. Wir haben jetzt sowohl im letzten Jahr als auch im nächsten Jahr zwei junge Frauen die ein abgeschlossenes Studium haben und danach gesagt haben nach dem Studium. Wir glauben nicht dass wir in dem Beruf arbeiten wollen den wir studiert haben. Jetzt lassen Sie mal noch eine interessante Ausbildung machen und die kommen zu uns. Und das finde ich klasse und das ist auch ein Zeichen dass sich Menschen mit einem Hintergrund wo sie schon abgeschlossenen Studiengang haben bei uns bewerben. Das spricht dafür wie unsere Ausbildung aussieht. Zumal die aus total anderen Studiengängen kommen. Eine hat Biologie studiert, die andere Landschaftsarchitektur und kommen jetzt zu uns um technische Produktdesigner im Maschinenbau zu machen. Das ist schon ein Sprung macht aber Spaß mit solchen außergewöhnlichen Azubis zusammenzuarbeiten.

"Dinge werden nicht schneller. Das haben wir jetzt schon beobachtet. Ich finde es aber auch richtig."
Nicolas Korte
GESCHÄFTSFÜHRER ETABO ENERGIETECHNIK UND ANLAGENSERVICE GMBH​​

Henning Baumann Kann ich mir sehr sehr gut vorstellen. Wenn du einmal zurück guckst, was waren die größten Hürden für dich persönlich als Mensch die du da überwinden musstest in diesem ganzen Prozess?

Nicolas Korte Ich weiß nicht ob Hürde das richtige Wort ist. Da müsste ich jetzt suchen nach anderen Worten. Ich möchte es mal anders beschreiben. Als ich das kennengelernt habe das Thema New Work, agiles Arbeiten. Das hat sich vom ersten Moment an richtig angefühlt und ich wollte das weil ich es für richtig gehalten habe. Auf dem Weg der dann gefolgt ist, musste ich aber schon feststellen dass viele Vorstellungen auch über mein Selbstbild Grandios daneben lagen ganz einfach. Ich bin sowieso nie so der autokratische Chef gewesen. Für hat immer der Mensch im Mittelpunkt gestanden. Jeden Tag gehe ich mindestens einmal bei jedem vorbei sag Guten Tag und gibt die Hand und ich weiß auch bei vielen was zu Hause los ist wenn jemand ein Problem hat kann er immer zu mir kommen und wir haben immer schon versucht wenn Mitarbeiter Probleme haben aus dem privaten Umfeld zu helfen. In Verbindung mit den beruflichen Anforderungen. Bin also nie so der Schreihals oder der super Hirach gewesen. Die Wahrnehmung vieler Mitarbeiter ist aber sie sehen diese Rolle Geschäftsführer und wir haben dann auch das eine oder andere Mal so Sprüche wie “Ja letztendlich bist du der den Daumen hoch oder Daumen runter macht.” Oder wir haben anonyme Abfragen über das Intranet gemacht über Werte. Da kommen dann”Wer weiß denn ob die Geschäftsführung das nicht doch hinterher über die Daten nachverfolgen lässt wer was geschrieben hat.” Ich habe dann gemerkt wie schwer es den Menschen fällt mich als Menschen von mir in der Rolle des Geschäftsführers zu trennen das hat mir ganz ehrlich gesagt lange Zeit ziemlich zu schaffen gemacht weil mein größter Wunsch ist eigentlich dass ich als Mensch wahrgenommen werde und nicht als Geschäftsführer und das ist aber extrem schwierig. Ich habe das lange Zeit nicht begriffen aber irgendwann mal braucht jemand ein gutes Beispiel im Vergleich zum Schauspieler “Wenn du heute im Fernsehen Daniel Radcliffe siehst, wirst du immer Harry Potter sehen.” Du tust diesen Menschen in dem Moment total unrecht weil er möchte das nicht er möchte nicht mehr Harry Potter sein das war ein Teil Lebensabschnitten. Er ist aber automatisch der Harry Potter und so ist das bei mir auch so habe ich das für mich jetzt angenommen dass ich das die Menschen zwar mehr und mehr mit mir auch als Menschen reden aber ich bleibe nach wie vor in dieser Rolle Geschäftsführer verhaftet. Ganz glücklich bin ich damit noch nicht, aber wie gesagt wir sind ja erst ein Jahr dabei und das wird sich vielleicht in den nächsten zwei, drei Jahren hoffentlich auch ein bisschen verwachsen.

Henning Baumann Also ist Zeit der Punkt der benötigt wird?

Nicolas Korte Ich sage mal dass das was wir heute meinen was die meisten Menschen meinen was wichtig ist wie Organisationen aussehen müssen hierarchisch, dass gibt es seit 10.000 bis 12.000 Jahren. In der Industrie ist das jetzt seit Winslow Taylor seit 120 Jahren stand der Technik. Alle Menschen haben in ihrem ganzen Berufsleben nichts anderes kennengelernt als Hierarchien und pyramidale Organisationsstrukturen. Kein Mensch kann erwarte, nur weil wir jetzt sagen, wir machen was anderes. Dass das irgendwie verdrängt ist, das ist in unserem Gehirn schon so als natürlich abgelegt dass eher das was wir jetzt machen bei den meisten Menschen als total durchgeknallt ankommt. Deswegen kann nur die Zeit helfen um zu erkennen dass es der richtige Weg ist.

Henning Baumann Wie gehen denn eure Kunden damit um? Wenn ihr diesen Wandel durchmacht?

Nicolas Korte Wir haben einige Kunden mitgenommen auf den Weg. Wir haben einige Methoden die wir gelernt haben in ihrem Umfeld agile Organisation. Wenden wir mit Kunden Zusammen an. Wir machen regelmäßige Projekt Retrospektiven mit unseren Kunden aber nicht nur mit unseren Kunden. Da nehmen auch  wir unsere Lieferanten dazu sodass praktisch die gesamte Kette an einem Tisch sitzt und sich darüber unterhält, was man in Zukunft anders/besser machen könnte und die Kunden finden es total klasse die Kunden selbst große Kunden aus riesen Konzernstrukturen die ziemlich gefangen sind in ihren Strukturen die sagen “Das war aber die beste Veranstaltung die wir bis jetzt hatten um mal zu gucken wie ein Projekt gelaufen” und auch auf der Kundenseite sitzen Menschen und wenn sie sehen dass wir mit ihnen etwas machen was ihre Bedürfnisse berücksichtigt sind sie dafür.

Henning Baumann Gesamtheitlich wird es sehr positive aufgefasst?

Nicolas Korte Von den Menschen mit denen wir zusammenarbeiten wird das positiv aufgefasst. Ich war immer sehr skeptisch wenn die Mitarbeiter bei uns sind solche Workshops mit denen machen und die gehen dann zurück in ihre hierarchischen Strukturen. Dass es da Führungskräfte geben könnte die sagen “Jetzt war ich schon wieder bei der ETABO und kommen mit solchen Revoluzzer Ideen zurück.” Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir haben sogar eine Stimme wo ein Hauptabteilungsleiter gesagt hat “Warum sind wir da nicht selber draufgekommen gekommen das zu machen.” Ich glaube ganz einfach das wenn man es erlebt hat wie es funktioniert, kann man nichts dagegen haben.

Henning Baumann Das ist ein schöner Satz. Das ist ja nicht ganz einfach und ohne Hürden, dieser ganze Prozess. Warum machst Du dass überhaupt? Was treibt dich an dabei?

Nicolas Korte Erst mal weil es sich richtig anfühlt. Ich habe mit dieser Frage lange gehadert. Die ist mir schon ziemlich oft gestellt worden dann hab ich immer diese Story erzählt Ich habe da einen Vortrag gehalten hab ich jemanden kennengelernt, der hat gesagt Kommst du zu uns zur Veranstaltung und dann hab ich da kennengelernt und hab mir das genauer angeguckt. Aber das ist alles Bullshit. Es hat sich richtig angefühlt. Ich bin mit dem Thema in Berührung gekommen und hab gesagt Das ist richtig so möchte ich dass Menschen miteinander umgehen und zwar miteinander. Ich möchte so mit Menschen umgehen und ich möchte dass alle so miteinander umgehen. Und weil ich es für richtig halte mache ich es. Das hört sich banal an aber so ist es. Und mein Bedürfnis habe das gesagt mein großes Bedürfnis ist dass ich als Mensch gesehen werde. Und ich glaube auch dieses Bedürfnis wird in dem System am allerersten gedeckt. Zumindest weitaus näher als in einem hierarchischen oder pyramidalen System wo ich weiterhin der Chef bleibe, der einen sagt wie es geht. Mein innerstes Bedürfnis als Mensch gesehen zu werden mit Sicherheit nicht befriedigt und deshalb ist das für mich einfach der Punkt. Außerdem habe ich sehr großen Spaß daran zu sehen wie Menschen sich weiterentwickeln. Ich möchte jetzt nicht sagen wie Menschen besser werden. Es ist wieder so eine Wertung die ich mir eigentlich heute gar nicht mehr erlauben würde sondern ich habe Spaß daran zu sehen wie Menschen sich weiterentwickeln und wie Menschen Dinge tun die sie gestern noch nicht getan haben. Das macht mir Spaß. Dafür bin ich Unternehmer geworden dafür bin ich Führungskraft geworden weil das für mich energetisch ist zu sehen dass Menschen heute was tun wo ich denke zwei Frauen nach dem Umzug im Januar beziehen ein neues Büro und kommen am Wochenende und streichen das und zwar nicht weiß sondern sie streichen sie in der Farbe wo sie sich wohlfühlen und tun das einfach ohne zu fragen ohne Genehmigungsprozess ohne zu fragen wer bezahlt uns die Stunden dafür wer bezahlt uns die Farbe. Sie machen es einfach. Sie machen es weil sie es für richtig halten. Das ist eine Entwicklung die ich so toll finde dass ich dafür brenne dass wir das auch weiter so umsetzen im Unternehmen. Dass sind diese wöchentlichen Erfahrungen. Menschen die ihre Büros streichen in vollkommen unkonformen Farben zum alten Büroalltag. Und da haben wir ganz viele Beispiele im Unternehmen wo solche Dinge passieren. Deshalb mache ich es.

"Mein großes Bedürfnis ist, dass ich als Mensch gesehen werde. Und ich glaube dieses Bedürfnis wird in dem System am allerersten gedeckt. "
Nicolas Korte
GESCHÄFTSFÜHRER ETABO ENERGIETECHNIK UND ANLAGENSERVICE GMBH​​

Henning Baumann Das klingt nach einem guten Grund. Jetzt hast du ja schon ein bisschen diesen Weg begangen mit euren Azubi Projekten, mit eurer gesammten Transformation hast du ja auch ein bisschen Erfahrung gesammelt. Was würdest du Menschen mitgeben, die am Anfang eines solchen Prozesses stehen und vielleicht noch am überlegen sind, ob das das Richtige ist?

Nicolas Korte Ich glaube einfach dass man am Anfang dieses Prozesses unheimlich viel Zeit braucht, um über sich selber nachzudenken. Das was wir da machen hat ja auch damit zu tun dass was in mir passiert ist und das benötigt dann einfach auch die Zeit mal aus dem Hamsterrad rauszugehen und sich zu überlegen: Wer bin ich wofür stehe ich? Was ist eigentlich die Kennzahl meines Lebens? Wofür brenne ich? Wenn ich davon mehr bekomme ist der Tag besser? Wenn ich davon nichts bekomme ist der Tag schlecht? Was ist der innere Antrieb. Da finde ich immer schön wenn ich Fridtjof Nansen so höre einen der Begründer der agilen Organisationmethoden, der immer sagt überleg dir was du wirklich wirklich willst und das hat schon Sinn warum er das sagt. Nicht zu sagen überleg dir was du willst, überleg dir was du wirklich willst, sondern überleg dir, was du wirklich wirklich will. Die Zeit muss man sich nehmen und das ist nicht die erste Antwort die einem in den Sinn kommt und auch nicht die zweite. Das kann auch die neunte oder zehnte Antwort sein bis man den Dingen auf den Grund gekommen ist und wer sich mit dem Thema beschäftigt der sollte damit anfangen sich selber zu finden und selber herauszufinden wofür schlägt mein Herz auf dieser Welt. Und dann ergeben sich die Dinge automatisch. Alles andere kommt daraus dass ich heute weiß wofür ich stehe.

Henning Baumann Ein schöner Abschluss! Hast du noch irgendwas das du noch loswerden willst?

Nicolas Korte Ja ich denke mal dass das ganz wichtig ist. Das ist der Anfang. Der Anfang ist sich tatsächlich über sich selber bewusst zu werden und wenn man das geschafft hat glaube ich dass es extrem hilfreich ist sich mit vielen Leuten zu vernetzen. Euch habe ich kennengelernt über die Startup-Plattform. Auch wenn wir geschäftlich lange Zeit nichts miteinander gemacht haben, jetzt machen wir was. Wir sind immer in Kontakt geblieben. Man muss zu Veranstaltungen gehen, man muss sich mit anderen Leuten vernetzen die für das Thema in irgendeiner Form brennen und tatsächlich die Dichte an Informationen die so ein Netzwerk dann mit der Zeit hergibt helfen einem unglaublich sich zurechtzufinden im Dickicht der Möglichkeiten. Ich finde es klasse dass wir uns kennengelernt haben. Ich habe aber noch andere Leute kennengelernt mit denen ich mich genauso häufig austauscht. Das ist einfach toll. Wenn man sich austauschen kann. Manchmal wenn gerade Dinge nicht funktionieren hilft es auch ein Vorbild zu haben oder eine Firma zu kennen wo es funktioniert.

Henning Baumann Was ist dein Vorbild?

Nicolas Korte Da gibt es viele Vorbilder. Ich habe nicht die Firma als Vorbild aber ich finde zum Beispiel ziemlich cool was bei Sipgate in Düsseldorf funktioniert. Ich finde die Beispiele die in dem Buch von Frederic Laloux Reinventing Organisations beeindruckend. Da sind Beispiele dargestellt FAVI ein Automobilzulieferer aus Frankreich, genauso wie wir Old Economy ziemlich weitgehend das Thema Selbstbestimmung, Mitbestimmung eingeführt hat. Es gibt so viele Unternehmen in denen das supergut klappt. Die muss man sich einfach mal angucken und muss mit den Leuten reden muss da so das Gefühl für kriegen und dann hat man immer mal wieder. Licht am Ende des Tunnels wenn es gerade mal nicht so funktioniert.

Henning Baumann Das ist definitiv ein schöner Abschluss. Vielen Dank für deine Zeit. Ich freue mich auf jeden Fall dass wir uns regelmäßig austauschen können und hoffe dass wir auch weiterhin der Zukunft zu sein.

Nicolas Korte Ich danke dir für das Gespräch, genauso wie für die vielen Gespräche in der Vergangenheit bei dir und mit Simone. Auch ihr seid für mich eine Inspiration wie neue Unternehmen und neue Organisationsstrukturen aussehen sollen.

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